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Der Vortrag Debian professionell managen - FAI/GOsa in München im Einsatz berichtet über Limux, die erfolgreiche Linux-Migration der Stadt München. Diese begann bereits 2004. Im selben Jahr, in dem der TÜV die Münchner Infrastruktur als "gebrauchstauglich" zertifizierte, kam das Thema auch in Duisburg auf den Tisch, als Antrag der oppositionellen SPD-Fraktion vom 1.6.2007:

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Der OB wird beauftragt, eine gegebenenfalls auch schrittweise Umstellung der städtischen Computer auf das freie Betriebssystem Linux zu prüfen und dem Personal- und Verwaltungsausschuss über die Vor- und Nachteile Bericht zu erstatten. In den Bericht ist ebenfalls eine Kostenübersicht einzuarbeiten, die auch die fortschreitenden Entwicklungen und Neuinstallationen von Windows-Betriebssystemen beinhalten.

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Die Antragsbegründung verweist auf die guten Erfahrungen anderer Behörden, z.B. der Stadt München oder des Auswärtigen Amts in Berlin. Es herrsche inzwischen eine hohe Akzeptanz für Linux, zudem seien bis zu 25 Prozent Kostenersparnis zu erwarten. Ich hatte damals eine Mail an die Ratsmitglieder (jedenfalls an die mit E-Mail-Adresse) geschrieben und für den Antrag geworben. Auch Pro-Linux veröffentlichte einen Artikel zum Thema.

Wer kann schon gegen Kostenersparnis ohne Leistungsverlust sein? Am Ende war es ein gemeinsamer Antrag aller Fraktionen, der einstimmig angenommen wurde. Schon drei Monate später liess der Oberbürgermeister mitteilen:

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Das Thema Linux ist bei der Stadt Duisburg seit Jahren positiv besetzt. Linux gehört im Bereich der Serverbetriebssysteme für zentrale Anwendungen und Datenhaltung (z. B. Internet-, Intranet-, Redaktionssystemserver) beim Institut für Informatik bereits seit 2003 zu einem der hier eingesetzten Standards. Aktuell werden 24 Linux-Server produktiv eingesetzt.

Die Möglichkeiten von Linux gehen jedoch über den Einsatz als Serverbetriebssystem hinaus. Weitere Einsatzmöglichkeiten ergeben sich als Betriebssystem für Arbeitsplatzrechner. In diesem Fall ist die gesamte vorhandene Anwendungslandschaft mit in die Untersuchungen einzubeziehen.

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Klingt doch toll. Jedenfalls hatte sich da jemand gut eingelesen. So gut, dass er schon jetzt beginnen konnte, den ungeliebten Vorschlag systematisch an die Wand zu fahren:

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Die Gesamtzusammenhänge sowie die erforderlichen Untersuchungen stellen sich besonders in Verbindung mit alternativen Entwicklungen als sehr komplex dar.

Die Untersuchungsergebnisse einschließlich Kostenanalyse und –entwicklung sind abhängig von der gegebenen technischen Infrastruktur, der vorhandenen Softwarelandschaft sowie den zukünftigen Lizenz- und Administrationskosten. Vor diesem Hintergrund ist vorgesehen, das Thema Linux zunächst in einer interfraktionellen Runde mit Workshop-Charakter zu diskutieren. Hierbei sollten Expertenbeiträge, Erfahrungsberichte u. a. m. in die Diskussion einfließen.
Zurzeit werden im Dezernat IV die Ämter 11, 17 und 18 reorganisiert. In diesem Zusammenhang entwickeln sich neue konzernweite Strukturen in unterschiedlichen Aufgabenfeldern. Die neuen Strukturen werden einen erheblichen Einfluss auf das Untersuchungsergebnis haben. Ebenso können diese organisatorischen Aspekte mit den sich daraus ggf. ergebenden konzernweiten Ansätzen von weiterem Vorteil sein.

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Ein Schulbeispiel, wie man eine Initiative durch Hochloben zerstört. Man muss sie nur mit Erwartungen und Anwendungsbieten ("konzernweite Strukturen") überfrachten. Damit schafft man die Notwendigkeit, die nunmehr "unterschiedlichen" Zielsetzung zu klären, am besten in "interfraktionellen Runden mit Workshop-Charakter", denen man zu allem Überfluss auch noch Paradoxa aufgibt, wie die Überlegung, dass eine zukünftige Infrastruktur ja "abhängig" von der bestehenden sein könnte. Aber alles schön positiv als möglicher "Vorteil" formuliert.

Wenn sie nicht so strategisch hintertrieben wäre, dann gehörte die OB-Stellungnahme aufs Daily-what-the-fuck, als grössenwahnsinnige Überschätzung von IT. Keine Konzentration auf die Kernziele, kein Wort mehr von der im Beschluss noch selbstverständlich vorausgesetzten "schrittweisen" Umstellung. Duisburg machte sich an den ganz grossen Wurf.

Die Scharade dauert vierzehn Monate. Dann lag das Protokoll vor. Aus der Mitteilungsvorlage für den 25.11.2008:

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In seiner Sitzung vom 1.6.2007 hat der Personal- und Verwaltungsausschuss den Oberbürgermeister beauftragt, eine gegebenenfalls auch schrittweise Umstellung [...] zu prüfen und [...] über die Vor- und Nachteile Bericht zu erstatten. [...] Anlässlich des Auftrags aus der Sitzung des PVA vom 1.6.2007 wurde ein parteiübergreifender Arbeitskreis Open Source gebildet. Die Vertreterin und Vertreter der Parteien [es folgt eine Liste der Beteiligten] vertraten die Meinung, dass die Politik Rahmenbedingungen setze, die Ausgestaltung aber der Verwaltung überlassen solle.

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Nach dieser Einleitung ist nicht zu verwundern, dass der Rest des Textes alles daransetzt, die von der "Politik" gesetzte Rahmenbedingung "Linux" so gut wie möglich zu umgehen. Nach der überraschenden Feststellung

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Die Stadt München ist eine Kommunalverwaltung mit vergleichbarem Anwendungsportfolio wie in Duisburg.

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wird mehr oder weniger korrekt das LiMux Projekt beschrieben. Diese Beschreibung geht ohne neuen Absatz in eine Abwertung über:

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Dass erst Ende September 2006 nach einer intensiven Analyse- und Konzeptionsphase die Realisierung mit der Bereitstellung der ersten Rechner mit den Open Source-Werkzeugen für den Produktivbetrieb begann, zeigt die Komplexität einer solchen Umstellung. Eine Umstellung aller Arbeitsplatzrechner wird in München jedoch nicht angestrebt. Fakt ist: Etwa 20 % der Arbeitsplätze werden auch künftig mit Microsoft-Betriebssystemen arbeiten, da zahlreiche Fachanwendungen die Windows-Technologie benötigen.

Kosteneinsparungen standen bei der Münchener Entscheidung nicht im Vordergrund. Als Ziele waren vielmehr Herstellerunabhängigkeit, Sicherheit, Wartbarkeit, Plattformunabhängigkeit und webbasierte Lösungen definiert.

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Wie man durch Verschweigen doch lügen kann. In der Tat war die Kosteneinsparung in München nicht die erste Priorität, sondern "Herstellerunabhängigkeit, Sicherheit, Wartbarkeit [und] Plattformunabhängigkeit". Aber sind diese Aspekte nicht alle klassische IT-Kostenfaktoren? Verschwiegen wird, dass München trotzdem spart, siehe unten.

Anders als München, wo der Support für Windows NT 4 ausgelaufen war, befinde man sich in keiner Zwangslage, diagnostiziert der Bericht. Denn in Duisburg sei rechtzeitig Windows XP eingekauft worden. Im weiteren Verlauf verweist man fast hämisch auf die Verzögerung von LiMux - als ob das bei einem Pionierprojekt dieser Grössenordnung verwundern würde. Man schämt sich auch nicht, Überschriften auf Bildzeitungsniveau wörtlich zu zitieren: "München: Hat sich der Pinguin zu weit aus dem Fenster gelehnt?"

Dazu das übliche FUD: Tatsächliche Kosteneinsparungen seien unsicher, München habe auch noch keine "genauen Erfahrungswerte", die Komplexität sei ungeheuer, die Entwicklung der IT "rasant", Geld für Investitionen habe man eh nicht, diverse Fachanwendungen liefen nur unter Windows, Open-Source-"Jubelmeldungen" sei generell zu misstrauen. Ähnlich qualifiziert wird auch das hervorragende Migrationsprojekt des Auswärtigen Amtes und das zugegebenermaßen nicht so glückliche Wiener Projekt abgehakt.

Mit den vorhandenen Web- und Fileservern auf Linux und ein paar Arbeitsplätzen, auf denen man OpenOffice gesichtet hatte, sei alles getan. Die Experten des "Arbeitskreises" gaben Entwarnung auf ganzer Linie:

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Open Source-Produkte werden bereits dort eingesetzt, wo es möglich und sinnvoll ist. Für die Stadt Duisburg besteht daher zur Zeit keinerlei Migrationsdruck.

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Zur Erinnerung: Ursprünglich ging es um das mittel- und langfristige Potential von Linux. Das produzierte Arbeitsergebnis lautet dagegen, dass kein "Migrationsdruck" bestehe. Wurde das Thema versehentlich oder in voller Absicht verfehlt?

Es mag eine interne Angelegenheit der Stadt Duisburg sein, wenn die dortige Administration für die Tonne denkt. Es ist aber wahrscheinlich nur eines von vielen traurigen Beispielen, wie Linux im speziellen und gute Ideen im allgemeinen behandelt werden.

Ich schrieb noch vor der Sitzung eine Email an alle Ausschussmitglieder und zählte die Punkte auf, die es trotz 17 Monaten Beratung nicht in die Vorlage geschafft hatten:

  • Das "Open Source Observatory and Repository" ist eine Einrichtung der Europäischen Union zur Unterstützung öffentlicher Verwaltungen im Bereich von Open Source Software. Die Webseite listet z.B. über 50 Fallstudien von erfolgreichen Open Source Projekten.
  • Eine EU-Studie von 2006 empfiehlt die Förderung von Open Source Software unter anderem als Mittel der lokalen Wirtschaftsförderung.
  • Das von der EU geförderte tOSSad Forschungsprojekt hat konkrete Handlungshilfen für die Open Source Migration veröffentlicht.
  • Der Bundesrechungshof prangerte 2007 zum wiederholten mal die zu hohen Kosten von Microsoft Infrastrukturen in den Einrichtungen des Bundes an.
  • Die Koordinierungs- und Beratungsstelle des Bundes für Informationstechnik (kbst) gibt seit langem einen ständig aktualisierten Leitfaden für Migrationsvorhaben heraus, der auch bei der Wirtschaftlichkeitsanalyse unterstützt.
  • Die Problematik unfreier Dokumentenformate, wie z.B. das doc Format von Microsoft Word wird nicht angesprochen. Auch nicht, dass bereits einige Staaten (Belgien, Niederlande, Norwegen, Großbritannien) aus gutem Grund die Nutzung des freien Dokumentenformates ODF vorschreiben.

Ich verwies darauf, dass die Münchner sehr wohl die Kosten im Blick haben. Ich betonte, dass man zwar korrekt erkannt habe, dass im Auswärtigen Amt immer noch zusätzlich Microsoft Office genutzt werde, aber nicht, dass das Amt die mit Abstand niedrigsten IT Kosten aller Bundesministerien produziert. Ich bedauerte, dass kompetenten Bürgern und Institutionen nicht ermöglicht worden war, an den Beratungen teilzunehmen, und das obwohl mit dem Linux-Hotel in Essen ein wichtiges deutsches Kompetenzzentrum für Open Source direkt vor der Haustür liegt.

Anders als auf meine erste Email bekam ich nun sogar eine Reaktion. Elke Patz stellt mir die irrelevante Frage, warum ich mich für das Thema interessiere. Ich gab ihr eine höfliche Antwort. Kurz darauf nahm der Gemeinderat die Mitteilungsvorlage "zur Kenntnis".

Für Duisburg hat sich das Thema Linux damit erstmal erledigt. Der Migrationsdruck kommt ja auch erst, wenn der Support für das sieben Jahre alte Windows XP eingestellt wird.

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Linux, Open Source, Verwaltung

Kommentare (3)

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Von egal am 18. April 2009 um 00:17
Der Link zum Leitfaden für Migrationsvorhaben 404t, die KBST ist jetzt cio.bund.de, der z.Zt. korrekte URL ist http://www.cio.bund.de/DE/IT-Methoden/Migrationsleitfaden/migrationsleitfaden_node.html

Ebenfalls interessant: http://www.cio.bund.de/DE/IT-Methoden/Plattformunabh%C3%A4ngigkeit/plattformunabh%C3%A4ngigkeit_node.html
Von claudia leisse am 30. März 2009 um 14:40
Duisburg hätte schon viel früher umstellen können, denn bereits im März 2003 hatten die GRÜNEN (damals in der Opposition wie heute die SPD) den Antrag auf Umstellung gestellt (Drucksache 03_5028) und waren kläglich an SPD und Verwaltung gescheitert.
Die Zeit bringt's!
Von Ingo Jürgensmann am 26. März 2009 um 20:08 http://blog.windfluechter.net
Nunja, wundert das Ergebnis? Mich nicht.

So wie es sich mir darstellt, hatte da jemand die durchaus loebliche Idee, Linux in der Stadtverwaltung zu verbreiten. Der Buegermeister ging dann zu seinen ITlern hin und hat diese befragt bzw. um eine Stellungnahme gebeten. Da dort wohl vornehmlich Leute mit MicroSoft-Hintergrund arbeiten, ist die Beurteilung halt entsprechend ausgefallen.

Natuerlich weiss ich nicht, ob es wirklich so oder aehnlich war, aber ich wuerde auch nicht unbedingt begeistert dafuer votieren, wenn jemand meint, er muesse mir ploetzlich eine MS-Infrastruktur vorsetzen. Ich wuerde da auch nach Argumenten suchen, die mir geeignet scheinen, das zu verhindern.

Also hilft nur am Ball bleiben und nicht locker zu lassen.