Warum UX für Kids ein Kinderspiel sein sollte (Teil 2)

Im zweiten Teil unserer Mini-Serie zum Thema UX für Kids gehen wir der Frage nach, warum Usability-Tests mit Kindern für Kinder so wichtig sind. Die Erkenntnisse liegen auf der Hand – und verblüffen. Ja, und dann finden wir heraus, wer schneller als das Flugzeug am Himmel ist.

 

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Jeannette: In deinem letzten Projekt für eine Kinderwebsite war der Usability-Test das Highlight deiner Arbeit. Was genau hat dich so begeistert?

Kerstin: Ich war begeistert, wie aufgeschlossen die Kinder waren und wie schnell ich den Kontakt zu ihnen hatte. Wir haben die Tests in den Räumen der Redaktion durchgeführt, dort gab es Fotos der Verantwortlichen. Ich habe das Gespräch meistens damit begonnen, sie zu fragen, wen sie von den Fotos her kennen. Das hat die Stimmung sofort aufgelockert. Als wir dann mit dem Testen begonnen haben, kam so viel Input, dass ich gar nicht mehr hinterher kam mit meinen Notizen!

 

Konkret war dann auch spannend, womit die Kinder gar nicht klarkamen.

 

 

Ein kindgerechtes Wording ist zentral. Eine Selbstverständlichkeit, sollte man meinen …

Wir kamen auf die Idee, den Login-Namen als Spitznamen zu benennen. Prompt hat eines der Mädchen seinen Spitznamen eingegeben. So wie ihre Freunde oder Familie sie im echten Leben rufen. Da stand eben «Dein Spitzname» und nicht so etwas wie «Dein Login-Name für XY» (lacht).

Das ist doch ein wunderbares Beispiel dafür, wie Kinder die Grenzen zwischen ihrer Realität und einer digitalen Umgebung noch gar nicht klar ziehen können. Kinder leben in einer anderen Welt. Sie haben ein anderes mentales Modell, ein anderes abstraktes Denkvermögen und sie funktionieren anders. Ich beobachte dieses unmittelbare Denken und Handeln auch bei meinem siebenjährigen Sohn: Wenn er etwas auf Google sucht, gibt er das genau so ein, wie wenn er mir eine Frage stellen würde. Die gleiche Syntax. Ist ja menschlich.

Die Funktionen von Text-Editoren und die Eingabe von Sonderzeichen sind komplex.

Da gibt es diese Funktion «Link einfügen» mit einem Kettenzeichen-Icon. Das war für die Kinder nicht verständlich. Das können die wenigsten, selbst mit zehn oder elf Jahren, weil es überhaupt nicht intuitiv nutzbar ist.

Für das erwachsene Produktteam war klar, dass man fett und kursiv zur Auszeichnung des Texts braucht. Aber verstehen die Kinder, was «f» oder was «k» heisst? Natürlich verstehen sie es nicht, aber sie probieren es aus und können es dann nicht mehr rückgängig machen. Damit halten sie sich unglaublich lange auf. So etwas muss man sehr genau beobachten, Kinder äussern sich durch Gestik oder Mimik, bei den Funktionen «fett» und «kursiv» seufzten sie tief, womit der Fall für uns klar war.

Das ist eben das Interessante bei Usability-Tests, dass man damit solche versteckten Hürden findet.

Bei der Eingabe der Email-Adresse haben die Kinder ewig lange nach dem At-Zeichen (@) gesucht. Und so geht es ja nicht nur den Kindern. Auch als nicht erfahrener Nutzer oder wenn man ein Device nicht kennt, braucht es eine Zeit, bis man die richtige Tastenkombination findet. Warum ist so etwas nicht von Anfang an integriert? Es wäre so einfach.

Sehr gut beobachten lässt sich weiter, wie die Kinder durch die Website navigieren. Wie oft sie hoch- und runterscrollen. Was sie übersehen oder was sie missverstehen. Wie oft sie auf den falschen Button klicken, weil dieser ungünstig oder nicht intuitiv platziert wurde.

Die Icon-Sprache ist ein zentrales Thema bei der Gestaltung: Icons müssen von den Kindern verstanden werden, sonst funktioniert die Navigation nicht. Metaphern aus dem realen Alltagsleben sind dabei gerade für kleine Kinder sehr hilfreich. Das Ein-/Ausloggen beispielsweise kann man mit dem Betreten oder Verlassen eines Raums oder mit dem Ein-/Ausschaltknopf des Staubsaugers visualisieren. Das kennen die Kinder, damit kann man eigentlich nicht falsch liegen.

In unserem letzten Projekt bestanden die Icons aus Umrissen, das war eine Vorgabe in Anlehnung an das Corporate Design des Hauses. Dabei habe ich etwas Interessantes beobachten können: Die Kinder sehen vielleicht den Hintergrund als das Objekt an. Oder sie denken, es ist ein Loch oder eine Linie. Aber sie sehen nicht das Objekt als Ganzes. Mir wurde klar, dass die Kinder Umrisse erst einmal lernen, dieses abstrakte Denken entwickeln müssen. In einer Navigation sollte man das Kindern also besser nicht zumuten. Dafür ist eine kognitive Leistung gefordert, die sie gar nicht leisten wollen.

Um so etwas heraus zu finden, kann man die Kinder aber nicht direkt befragen, weil sie sich dann anstrengen und die richtige Antwort geben wollen. Das findet man nur durch genaues Beobachten heraus. In der Regel ist es so, dass sie etwas nicht verstanden haben, wenn sie es nicht sofort anklicken. Dann denken sie nach. Man merkt das auch, wenn sie nicht mehr reden.

Grade weil sich Kinder anders als Erwachsene äussern, sind Usability-Tests mit ihnen umso wichtiger.

Man braucht dafür sehr viel Erfahrung und muss genau beobachten, weil sich selbst unter bestmöglichen Voraussetzungen eine Art Lehrer- /Schülersituation entwickeln kann und die Kinder empfinden, dass sie abgefragt werden. Sie möchten sich nicht unbedingt negativ äussern, weil sie die Erwachsenen nicht enttäuschen wollen, weil sie ihre Sache gut machen und schnell sein wollen … Deshalb ist es auch sehr wichtig, die Kinder immer wieder zu loben und ihnen positives Feedback zu geben.

Um optimale Voraussetzungen für einen Usability-Test mit Kindern zu schaffen, kommen bezüglich Raum und Infrastruktur Faktoren wie eine adäquate Tischhöhe oder vertraute Devices hinzu. Ideal wäre, wenn sie sich für die Tests in ihrer gewohnten Umgebung bzw. ihrem gewohnten Kontext befinden, so dass die Atmosphäre von Anfang an entspannter und vor allem realistischer ist.

Das gilt im Übrigen generell für alle Usability-Tests …

 

Jeannette: Hast du aus den vielen Inputs der Kinder etwas für dich mitgenommen, für ein anderes Projekt, für die Zukunft?

Kerstin: Ja, viele viele Ideen. Man ist eben als Erwachsener nicht in ihrer Welt, das hat man deutlich gespürt. Man sieht die Dinge realistisch. Kinder haben viel mehr Phantasie und wollen das in Produkten für sie auch wiederfinden und ausleben.

So wünschten sie sich beispielsweise eine Avatar-Werkstatt mit «unendlichen Möglichkeiten». Mädchen lieben es, sich zu verkleiden und wünschen sich viele Gestaltungsmöglichkeiten – bei den Jungen gab es den Wunsch nach Figuren oder Kleidungsstücken aus Superhelden-Filmen. Nach Figuren, die über magische oder übernatürliche Kräfte verfügen und auf jeden Fall stark und mächtig sind. Tiere wurden als Figuren ebenfalls gewünscht, und Zubehör wie Skateboards oder Sonnenbrillen in möglichst vielen verschiedenen Ausführungen standen weit oben auf der Wunschliste. Weitere Avatar-Wünsche waren Emojis, ein Unicorn, passend zum Nickname, liegt ja nahe (lacht). Oder eigene Fotos, die man dann mit einer der vielen Sonnenbrillen oder Kleidern ergänzen könnte. So gesehen der grösstmögliche Freiraum, um einen eigenen unverwechselbaren Avatar zu kreieren. Dieses vieldimensionale Denken geht bei Kindern sehr weit.

Was ich aus den Usability-Tests weiter mitnehme, ist einmal mehr die Erkenntnis, dass Kinderwebsites eigenständig auftreten sollten. Aus Gründen der Sicherheit, weil die Kinder sonst auf Inhalte zugreifen, die nicht für sie geeignet sind. Wenn Kinder auf einer Website surfen, die Teil einer Erwachsenen-Website ist, kann es sie ausserdem irritieren, wenn sie unversehens in einer völlig anders gestalteten Umgebung landen. Sie verlieren die Orientierung. Dies gilt im Übrigen genauso für Erwachsene, wenn auch auf einem anderen Level.

 

Jeannette: Meine nächste Frage zielt nach dem Finetuning bei der Segmentierung der Zielgruppen. Welches Finetuning nimmst du bei Kindern vor? Einen Faktor, das Alter, hast du bereits angetönt. Wie unterteilst du das und was ist sonst noch wichtig?

Kerstin: Bei Kindern gibt es bezüglich Altersgruppen in kurzen Intervallen Riesenunterschiede. Ich unterteile erst einmal in drei- bis fünfjährige. Danach von Fünf- bis Sechs- oder Siebenjährige, weil das in der Regel mit dem Schulbeginn verknüpft ist. Berücksichtigen muss ich jetzt unter Umständen, dass Zweitklässler auf Erstklässler und beide sowieso auf Kinder im Vorschulalter oder Kindergarten herabschauen.

Ein wesentlicher Entwicklungsschritt folgt bei den Kindern im Alter von neun bis elf Jahren. Das Lesen und Schreiben geht jetzt zunehmend flüssiger von der Hand und es werden viele weitere neue Fähigkeiten erlernt. Und einen gewaltigen Entwicklungssprung machen die Kinder dann zwischen 12 und 13 Jahren bzw. wenn sie in die Pubertät kommen und sich stärker äussern und abgrenzen wollen.

Neben dem Alter spielt die individuelle Erfahrung eine wichtige Rolle, gerade was digitale Produkte anbelangt. Wenn sich ein Kind mit fünf Jahren schon mit einem Tablet beschäftigt hat, kann es im Umgang damit wesentlich versierter sein als ein achtjähriges Kind, das zum ersten Mal ein Tablet in der Hand hält.

 

Jeannette: Spielen auch die Motorik, das Körperliche eine Rolle?

Kerstin: Auf jeden Fall. Die kognitive wie auch feinmotorische Entwicklung sind ganz entscheidend. Ein Kind mit drei  Jahren kann keinen Doppelklick. Mit sechs Jahren kann es mit der Maus umgehen. Durch die Nutzung von Tablets kommen Scrollen und Wischen hinzu, das ist intuitiv, das machen die Kinder gerne, und sie kommen damit inzwischen besser zurecht als mit dem Hin- und Her-Navigieren zwischen Seiten. Gerade für kleine Kinder ist beispielsweise ein Zurück-Button der nach links zeigt keineswegs (selbst-)verständlich: Was heisst denn links, und wieso bedeutet links auf einmal zurück? Wenn sie schon einmal einen DVD-Player oder etwas Ähnliches bedient haben, haben sie das vielleicht schon gelernt, anderswo kommt dieses Prinzip im Alltag aber nicht oft vor.

 

 

Ein Kind mit drei Jahren kann keinen Doppelklick.

 

 

Jeannette: Worauf achtest du hinsichtlich Formen, Farben und Schriften und wie sieht eine kindergerechte Navigation aus für Kinder, die schon lesen können?

Kerstin: Für die Navigation einer Kinderwebsite ist eine einfache, maximal sieben Elemente umfassende Bild-/Text- Kombination am besten geeignet. Auf redundante Inhalte sollte man verzichten und Inhalte für Eltern packt man am besten in den Footer-Bereich, wo die Kinder nicht sofort darauf zugreifen können.

Viele Erwachsene mögen Kinderbücher. Warum das so ist? Man nutzt grosse Schriften, man reduziert sich auf das Wesentliche und erklärt Sachverhalte in Bildern oder Illustrationen. «Keep it simple» heisst die Zauberformel.

Grosse einfache Schriften sind zu empfehlen. So lernen Kinder schreiben. Schreibschriften können sie in der ersten Klasse noch nicht lesen. Weiter starke, gesättigte Farben, vor allem für die ganz Kleinen. So können sie Kontraste viel besser wahrnehmen. Aus dem gleichen Grund müssen auch Formen einfach sein. Ein guter Kontrast zwischen Vorder- und Hintergrund ist ebenfalls wichtig.

 

 

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Jeannette: Kommen wir zum Schluss zurück zu meiner eingangs gestellten Frage, warum es so wenig UX für Kinder gibt – ist die Zielgruppe zu klein, zu wenig lukrativ oder zu riskant?

Kerstin: Ich würde behaupten, weder noch. Die Kinder von heute sind die Jugendlichen und Erwachsenen von morgen. Wenn ich diese wichtige Zielgruppe heute ausser Acht lassen, bin ich morgen nicht mehr am Puls der Zeit.

Ich vermute, dass Erwachsenen oft gar nicht bewusst ist, wie Kinder die Welt wahrnehmen und funktionieren. Wenn ich weder eigene Kinder habe, noch im Studium oder durch das Lesen einschlägiger Fachliteratur etwas über die Entwicklung von Kindern gelernt habe, fehlt es an grundlegendem Wissen und Verständnis dafür.

Wer ist schneller als das Flugzeug am Himmel? UX für Kids: Warum Usability-Tests mit Kindern für Kinder so wichtig sind.

Vielleicht spielt da auch ein wenig das realistische Denken von Erwachsenen, die ihre kindliche Phantasie verloren haben – verlieren mussten – mit hinein. Ich erinnere mich an eine schmerzliche Episode aus meiner Schulzeit: Wir sollten kreativ sein und uns in einem Aufsatz ausdenken, warum wir zu spät zur Schule kommen. Meine Geschichte war, dass ich schneller als das Flugzeug am Himmel sein wollte. Ich war so schnell, dass ich an der Schule vorbeigerannt bin und es nicht bemerkte. Eine total unrealistische Geschichte. Dafür habe ich dann auch eine sehr schlechte Note bekommen. Was lerne ich daraus: So nah wie möglich an der Realität zu bleiben. Das ist bitter. Ich glaube, das gibt es heute immer noch, wenn auch nicht mehr ganz so extrem. In meinem Fall war das eine schon etwas ältere Grundschullehrerin, ich war neun Jahre, das sind schnell mal 40 Jahre Altersunterschied.

Manchmal ist es leider auch so, dass digitale Angebote für Kinder von Produktmanagern und Kreativen gestaltet werden, die sich selbst verwirklichen möchten und dabei die Zielgruppe vergessen.

Dabei wäre gute UX für Kids gar nicht so schwer. Bei der Produktgestaltung für Kinder hält man sich einfach an die bewährten UX-Grundsätze «You are not your user» und «Don’t make me think». Wer sich gemeinsam mit den Kindern darauf einlässt, darf sich auf viele inspirierende Momente freuen.

 

Jeannette: Vielen herzlichen Dank für dieses mega spannende Gespräch, Kerstin! 🦄🌸🦄

 

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