Warum UX für Kids ein Kinderspiel sein sollte (Teil 1)

Zum Thema User Experience (UX) für Kids findet sich überraschend wenig im Netz. Ob Google, Amazon, Forschung oder Lehre – Fehlanzeige. Nicht einmal «Allesverkäufer» Amazon führt irgend etwas Brauchbares wie Fachliteratur zum Thema. Wir gehen auf Spurensuche.

 

 

Digitale Funkstille? Nicht ganz: Fachlich relevantes Material zum Thema UX für Kinder findet sich bei der Nielsen Norman Group, welche 2002 und in der Folge 2010 eine grossangelegte Studie durchführte (deutsche Versionen via Institut für Software-Ergonomie und Usability AG).

Die Keyword-Suche «Websites für Kinder» liefert etwas Material. Es sind Ratgeber für Eltern zum Umgang mit surfenden Kids, Anleitungen zur Mediennutzung oder Sicherheit sowie Listen mit empfohlenen Kinderwebsites. Vergleichbare Resultate liefert die Keyword-Suche in englischer Sprache und einschlägiges Bildmaterial findet man auf Pinterest. Da sind es dann Screenshots liebevoll gestalteter Illustrationen, die aber wenig über den Hintergrund oder den Zweck ihrer Quellen aussagen.

Die Zahl digitaler Angebote für Kinder im Web scheint dennoch verschwindend klein. Projekte im deutschen Sprachraum werden eher von der öffentlichen Hand oder gemeinnützigen Organisationen umgesetzt. In einigen Fällen sind es Verlage oder Medienhäuser.

Ist die Zielgruppe zu klein oder zu wenig lukrativ für UX? 

Liegt es daran, dass Web-Angebote für Kinder für die (Werbe-)Wirtschaft kaum interessant sind, da Kommerz im Umfeld von Kindern als unethisch empfunden wird? Oder ist das Thema Kinder und Internet möglicherweise derart belastet, dass Aufwand und Risiken als zu hoch eingeschätzt werden?

Was macht denn eine gute Kinder-Website aus? Wollen Kinder lernen, entdecken, rätseln, spielen, sich messen oder passiv konsumieren? Und wie soll das aussehen und präsentiert werden? Welche Websites sind erfolgreich, und wenn ja warum? Gibt es Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen?

 

Antworten auf meine Fragen suche ich im Interview mit Kerstin Wischy. Kerstin ist Fachfrau für UI-/UX-Design bei der YMC AG und Mutter zweier kleiner Kinder. Ihre Bachelorarbeit verfasste sie zum Thema «Konzeption einer Online-Kreativplattform für Kinder». Im Rahmen eines Kundenprojekts hat sie sich einmal mehr intensiv mit der Thematik UX für Kinder befasst.

 

 

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Jeannette: Braucht es UX für Kinder oder ist das übertriebener Aufwand?

Kerstin: Ja natürlich braucht es die! Kinder wollen doch auch eine gute Benutzererfahrung haben. Kinder sind allerdings eine ganz spezielle Zielgruppe und sie haben wesentlich andere Anforderungen an ein Produkt als Erwachsene.

 

Jeannette: Von welchem Alter oder welcher Altersgruppe sprechen wir überhaupt, wenn es um digitale Angebote für Kinder geht?

Kerstin: Digitale Angebote gibt es natürlich schon für Kleinkinder. Allerdings können Kinder in den ersten vier Lebensjahren noch nicht zwischen digitaler und realer Welt unterscheiden. Um Dinge richtig erfassen und begreifen zu können, brauchen sie die Körpererfahrung. So kann man zum Beispiel beobachten, wie Kinder versuchen, Figuren in Trickfilmen anzufassen, da sie diese als real erleben.

Aus pädagogischer Sicht gelten die gleichen Regeln wie für das Fernsehen, das heisst, keine digitalen Angebote unter drei Jahren! Auch Medienkonsum will gelernt sein, deshalb ist es wichtig, dass Eltern gemeinsam mit ihrem Kind digitale Angebote anschauen und sie dabei begleiten. Und auch hier gilt es, klare Regeln zu vereinbaren, kindgerechte Angebote zu wählen und natürlich sollte man Kindern selbst Vorbild sein, da sich die Kinder an den Mediengewohnheiten der Eltern orientieren.

 

Jeannette: Wie oder wo machst du dich schlau, wenn du ein Website-Projekt für Kinder umsetzt?

Kerstin: Ich beginne mit Fachliteratur. Im Kontext von Kindern besonders wichtig ist die Entwicklungs- und Kognitionspsychologie. Dies war zwar auch ein Teil meines Studiums, trotzdem muss ich mich im Bedarfsfall immer wieder neu einlesen, um mein Wissen auf dem aktuellen Stand zu halten. Dann lese ich auch die neuesten Studien zu Medienverhalten und Medienkonsum von Kindern.

Erstaunt hat mich in diesem Jahr, wie klar die Kinder und sogar Jugendliche Facebook (ab 15 Jahren, wenn überhaupt) oder den Messenger-Dienst WhatsApp (ab 12 Jahren) als überaltert erachten und tendenziell ablehnen.

Der Trend bei den Kindern geht nach wie vor in Richtung YouTube, und neu vermehrt zu App-Anbietern wie Musical.ly. Diese App ist derzeit super angesagt. Musical.ly halte ich übrigens für eine sehr unterstützenswerte Plattform, weil die Kinder sich etwas ausdenken und beitragen müssen, also tanzen, singen oder sich bewegen.

 

Jeannette: Gibt es Websites für Kinder, die du persönlich als besonders gelungen erachtest? Wenn ja, warum konkret?

Kerstin: Gut umgesetzt sind meines Erachtens nickjr. (Vorschulspiele) oder auch Der blaue Elephant. Diese Websites sind für eine sehr junge Zielgruppe konzipiert, das heisst von drei bis fünf Jahren. Sie sind kindgerecht aufbereitet und vollständig intuitiv nutzbar. Dabei setzen sie auf viel Illustration, grossflächige Designs, sie enthalten kaum Text und sie sind minimalistisch gehalten. Die Inhalte bestehen mehrheitlich aus kurzen Filmen. Das ist optimal, denn Kinder haben eine sehr kurze Aufmerksamkeitsspanne. Das Angebot umfasst Geschichten, Spiele oder auch Bastelanleitungen, alles Dinge, die Kinder mögen.

Auch YouTube (zum Beispiel JoNaLu aus der ZDFtivi-Mediathek) ist in seiner Bedienung so intuitiv gestaltet, dass es schon ein dreijähriges Kind nutzen kann. Die Navigation erlaubt den Kindern, sich explorativ zu bewegen. Kinder lieben das, denn sie haben keine Angst, Fehler zu machen.

 

Jeannette: Ich habe den Eindruck gewonnen, dass es in Deutschland deutlich mehr Angebote für Kinder und ihre Eltern gibt. In der Schweiz habe ich so gut wie nichts gefunden. Täusche ich mich oder was ist dein Eindruck?

Kerstin: … stimmt, bei der Recherche ist mir auch nichts aufgefallen, was wirklich herausragt.

 

Jeannette: Es scheint grundsätzlich zwei Arten von Angeboten zu geben: Einerseits die pädagogisch wertvollen, für Kinder aber möglicherweise nicht so spannenden Angebote, und dann die gut an die Zielgruppe adaptierten Angebote, ohne höheren (pädagogischen) Anspruch.

Kerstin: Pädagogisch wertvoll UND sogar spannend gibt es tatsächlich, aber das kommt bei den Kindern, zumindest ist das mein Eindruck, nicht ohne weiteres generell gut an.

Mir ist insbesondere bei den Usability-Tests aufgefallen, dass die pädagogisch wertvollen Angebote häufiger bei Kindern funktionieren, welche «medienpädagogisch betreut» aufwachsen, das heisst, wo die Eltern genau darauf achten, was wann und in welcher Menge konsumiert wird.

 

Jeannette: Spielt der Bildungsstand der Eltern eine Rolle?

Kerstin: Ja, auf jeden Fall.

 

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Jeannette: Kommen wir zu den wirklich interessanten Fragen, zum Beispiel, ob rosa tatsächlich genetisch bedingt ist …

Kerstin: (lacht) … ja, sehr spannendes Thema. Bevor ich Kinder hatte, war ich der Auffassung, es gebe im frühen Kindesalter nicht wirklich genderspezifische Unterschiede. Ich hatte immer vermutet, es liege wenn – dann an der Erziehung. Mittlerweile kann ich aus eigener Erfahrung sagen, dass ich das bei meinen Kindern anfangs bewusst vermieden habe und trotzdem eindeutige Tendenzen in eine Richtung beobachten konnte. Nun unterstütze ich meine Kinder gezielt in ihren Bedürfnissen.

Kinder schauen sich einfach das Verhalten der Eltern ab. Als Mutter nehme ich unter Umständen eher eine fürsorgliche Rolle ein, investiere mehr Zeit bei der Kleiderauswahl und als Vater gehe ich mit meinen Kindern vielleicht eher etwas wilder oder angstbefreiter um. Das wiederum sind Verhaltensmuster, die wir Eltern uns in unserer eigenen Kindheit und unserem sozialen Umfeld abgeschaut haben.

 

Jeannette: Das würde heissen, um auf UX für Kids zurückzukommen, dass genderspezifische Unterschiede durchaus relevant sein könnten, weil unterschiedliche Bedürfnisse abzudecken sind.

Kerstin: Das ist relevant, ja klar! Da bin ich mir seit unserem letzten Projekt für eine Kinderwebsite sogar sehr sicher. Bei der Umfrage erhielten wir von Jungen wie auch Mädchen ab einem Alter von neun bis zehn Jahren mehrfach Inputs, dass sie sich eine Mädchen- bzw. eine Jungen-Ecke wünschten. Dieses Bedürfnis nach Abgrenzung und unter Seinesgleichen zu sein beginnt offenbar früher als vermutet

 

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Jeannette: Lass uns jetzt etwas konkreter auf deine Arbeit eingehen: Du hast recherchiert und dir Wissen angeeignet. Wie sieht dein nächster Arbeitsschritt aus?

Kerstin: Idealerweise spricht man mit den Kindern und fragt ihre Bedürfnisse ab. Dazu eignen sich zum Beispiel Designworkshops, in denen man zusammen Ideen kreiert. Das wäre der Idealfall, wenn es um ein neues Produkt geht.

Wenn es das Produkt bereits gibt, ist es hilfreich, wenn man die Kinder dazu befragt. Wie man weiter optimieren könnte oder wie sie es selber umsetzen würden. Wer Kinder fragt und dann gut zuhört und beobachtet, kann durch einige wenige Fragen unendlich viele Informationen erhalten.

Ja, und dann kann man Lösungen in Kreativ-Workshops erarbeiten oder sogar gemeinsam einen Papierprototypen erstellen und diesen wiederum mit anderen Kindern testen. Auf diese Weise durchläuft man mehrere Design-Zyklen. So lange, bis man ein optimales Produkt erarbeitet hat.

Ganz nahe mit den Kindern arbeiten. Das wäre quasi der Idealfall. Die Kinder haben ja auch Lust darauf, ihre eigenen Produkte herzustellen.

 

 

Jeannette: Würdest du sagen, dass Kinder kreativer sind als Erwachsene? Kommen da mehr Ideen?

Kerstin: Ich weiss nicht, ob sie kreativer sind. Kinder leben aber definitiv in einer anderen Welt und haben ganz andere Anforderungen an ein Produkt als Erwachsene. So gehen sie viel unbefangener an eine Sache, weil sie unvoreingenommen sind und alles äussern, was ihnen durch den Kopf geht. Auf uns Erwachsene kann das komplett unrealistisch und verrückt wirken.

 

Kinder haben nicht gleich immer dieses «aber» im Kopf!

 

 

Im Gegenzug stellt sich die Frage, warum man als Erwachsener immer alles vorgeben und besser wissen sollte. Diese Denkweise, «wir wissen, was gut für dich ist», dieses Kindern nicht auf Augenhöhe begegnen, habe ich schon sehr oft erfahren.

Ich finde das sehr traurig, weil die Kinder ja Spass am Produkt haben sollen, und es würde ihnen noch viel mehr Spass machen, wenn sie selber mitwirken dürften. Dieses Mitmachen finde ich übrigens auch für die Vermarktung sehr interessant – von Kindern für Kinder – sozusagen.  Wenn ein Produkt dann gut funktioniert, könnte man wiederum andere Kinder dazu aufrufen, sich einzubringen. So etwas könnte eine richtig runde Geschichte werden.

Ich erinnere mich diesbezüglich an eine sehr spezifische Situation während des Usability-Tests: Das Einloggen finden eigentlich alle Kinder doof, sie wollen das nicht. Ich fände es total spannend, einen Login-Prozess auf eine kinderfreundliche Art mit Kindern umzusetzen. Ich bin überzeugt, da kämen ganz tolle Lösungen auch für Erwachsene dabei heraus.

 

Jeannette: Wie weit bist du denn selbst Teil des schöpferischen Prozesses – nimmst du dich als Kreative eher zurück oder bringst du aktiv auch eigene Inputs ein?

Kerstin: Es kommt darauf an. Idealerweise bin ich so etwas wie ein Schwamm. Ich nehme möglichst viele Inputs auf, beurteile sie und ordne sie ein. Wenn ich durch die Zielgruppe viele Inputs erhalte, die realistischerweise umsetzbar sind, kann das sehr wohl genügen.

Die fachliche Beurteilung kommt aber in jedem Fall von mir.

Wenn ich wenig Input erhalte, greife ich auf Ideen aus Konkurrenzanalysen oder eigene zurück, und versuche diese optimal zu integrieren.

 

Jeannette: Wann kommen eigentlich Personas* ins Spiel?

* Personas sind fiktive Personen, die typische Anwender einer Zielgruppe repräsentieren.

Kerstin: Personas erstelle ich nach eingehender Analyse. Nach Recherchen, Umfragen, Interviews und Usability-Tests, also nachdem ich sehr viel Wissen über die Zielgruppen gesammelt habe. Klassischerweise nehme ich dann eine Einteilung in Benutzergruppen vor und aus diesen einzelnen Benutzergruppen erstelle ich dann je nach Bedarf eine bis drei Personas. Für unser Kinderwebsite-Projekt sind drei Personas – Sofie, Julia und Adrian – mit jeweils sehr kurzen Alters-Intervallen von nur zwei Jahren entwickelt worden. Aber sogar in in diesen eng gefassten Stufen konnte ich ganz extreme Entwicklungssprünge beobachten. Die kognitive Entwicklung bei Kindern ist ein sehr schneller Prozess. Ein Produkt, welches ein Kind im ersten Schuljahr eben noch toll findet, kann für eines in der zweiten Klasse schon «Babyzeugs» sein. Die Kinder lernen jetzt lesen und schreiben, und das geht ziemlich schnell. Kinder-Websites oder auch -Apps benötigen also eine ziemlich granulare zielgruppenspezifische Gestaltung und Ansprache.

 

Jeannette: Jeder Prototyp muss irgendwann in die (Software-)Entwicklung. Gehen wir von einem idealen Setup aus: Ein genial-verrücktes Konzept wurde mit Kindern entwickelt und getestet, das Ergebnis, der Prototyp liegt in einer unkonventionellen Form vor. Wie holst du die Entwickler ins Boot, damit die das Konzept verstehen und vor allem adäquat umsetzen?

Kerstin: Am besten ist, das ganze Team von Anfang an zu integrieren und gründlich zu briefen. Das gilt auch keineswegs nur für Produkte für Kinder; jede Zielgruppe ist eine Welt für sich, in die man sich erst einmal einfinden muss.

 

Für mich ist das schon fast wie bei der Schauspielerei.

 

 

Für mich ist das schon fast wie bei der Schauspielerei, dieses sich immer wieder in neue andere Welten begeben. Ich kenne diese anderen Welten ja nicht, natürlich nicht. Dazu dient ja auch die Persona-Erstellung. Mit einer Persona kann man sich sprichwörtlich ein Bild von der Zielgruppe machen, eine Vorstellung entwickeln. Die Zielgruppe wird fassbar.

Auf der Grundlage von Personas kann man auch viel besser kommunizieren, beispielsweise, wenn ein Produktmanager oder andere Stakeholder mit Ideen und Wünschen an dich herantreten. Wenn man Personas entwickelt hat, fragt man eben ganz konkret Sofie, Julia oder Adrian, ob sie ein bestimmtes Feature wirklich brauchen, oder ob das nicht doch zu weit weg von ihren Bedürfnissen liegt.

 

Jeannette: Gehen wir davon aus, die Entwickler haben nach und nach diese Welt der Kinder erfasst. Wie berücksichtigt man den Auftraggeber?

Kerstin: Der Auftraggeber sollte ebenso wie die Entwickler von Anfang an involviert sein. Idealerweise steht er voll und ganz hinter dieser Art der Herangehensweise. Falls nicht, kann man versuchen, ihm durch aktives Mitmachen und Dabeisein im Rahmen von Usability-Tests zu vermitteln, wie die Kinder mit dem Produkt klar kommen, damit er es live erleben und nachvollziehen kann.

 

Nein, das ist hier nicht das Ende ...

 

Im zweiten Teil unserer Mini-Serie zum Thema UX für Kids von nächster Woche gehen wir der Frage nach, warum Usability-Tests für die Kids so extrem wichtig sind (die Erkenntnisse sind schlicht verblüffend) und wir finden heraus, wer schneller als das Flugzeug am Himmel ist.

Und ja, wir lösen natürlich auch einige meiner Fragen auf.

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