Im letzten Artikel der Serie sprachen wir darüber, wie man zu einer benutzerfreundlichen Informationsarchitektur für native Apps gelangt. In diesem Artikel wollen wir nun darauf eingehen, wie man die Qualität des Wireframes in weiteren Schritten gewährleisten kann.
Bei einem Produkt, das über einen längeren Zeitraum kontinuierlich weiterentwickelt wird, helfen periodisch durchgeführte Usability-Tests, die Benutzerfreundlichkeit sicherzustellen. Nichts ist aufschlussreicher als ein realer Nutzer, der an einer Aufgabe mit der Anwendung ringt, die so identifizierten Probleme können dann in einer verbesserten Version beseitigt werden. Im Folgenden wollen wir auf die Möglichkeiten eingehen, wie Usability-Testing durchgeführt werden kann, zu welchen Bedingungen man welche Methode wählen sollte und jeweils einige Vor- und Nachteile jeder Methode erläutern.

1. Usability-Tests im Labor

Usability-Tests im Labor müssen über mehrere Wochen hinweg im Voraus geplant werden. Man muss, je nach gewählter Methode, Probanden finden, die zur jeweiligen Zielgruppe passen, einen Zeitplan erstellen und Termine vereinbaren. Es muss klar definiert werden, was und aus welchem Grund getestet werden soll. Daraus wird dann das so genannte Testdesign entwickelt. Im Testdesign enthalten ist nicht nur der eigentliche Test mit Aufgaben, die der Proband mit der App durchführen soll, sondern auch Materialien wie ein Willkommenschreiben oder die Einverständniserklärung für die Aufzeichnung der Interaktionen mit der App. Die Aufzeichnungen dienen der Dokumentation des Tests und können für Ergebnispräsentationen verwendet werden. Um diese Aufzeichnungen zu ermöglichen, muss ein Labor mit entsprechender Soft- und Hardware ausgestattet sein. Ein Labor besteht mindestens aus zwei Räumen: Einem Testraum, in dem die Tests durchgeführt werden und einem Beobachtungsraum, in dem Beobachter entweder durch einen Einwegspiegel das Geschehen im Testraum beobachten können oder über entsprechende Software Daten aus dem Testraum auf Computer übermittelt bekommen (siehe Abbildung 1).

Abbildung 1 – Usability-Labor Beobachtungsraum (links) und Testraum (rechts).

Labortests sollten in Erwägung gezogen werden, wenn für das Projekt ausreichend Zeit und Budget zur Verfügung stehen und die Benutzerfreundlichkeit des Produktes im Vordergrund steht. 

Externe Usability-Tests

Beauftragt man ein externes Unternehmen, die Tests durchzuführen, fallen meist hohe Kosten an. Dafür muss man sich allerdings nicht um das Testdesign oder um die Suche nach Probanden kümmern.

Möchte man nur eine bestimmte Funktion oder ein Element im Interface testen, sind Remote Usability-Tests in Erwägung zu ziehen. Sie sind etwas günstiger und bedürfen weniger Vorbereitungszeit. Einen guten Service für solche Tests bietet beispielsweise usertesting.com. 

In-House Usability-Tests

Entscheidet man sich dafür, Tests im eigenen Unternehmen durchzuführen, kann das sehr aufwändig werden. Ein voll ausgestattetes Labor muss mit professioneller Software, wie beispielsweise Morae, Kameras, etc. ausgestattet sein (siehe Abbildung 1). Es gibt mittlerweile Software wie “Magitest” oder “Lookback“, mit der gute Ergebnisse erzielt werden können. Durch diese Software ist es möglich, das Display, die Touch-Gesten, das Gesicht des Probanden sowie den Ton mittels Hardware des eingesetzten Mediums aufzuzeichnen. Mit einer so aufgezeichneten Benutzerinteraktion lassen sich Probleme identifizieren und dokumentieren. Das Finden von geeigneten Probanden für Tests und das Erstellen von Testdesigns bleibt allerdings immer noch zeitintensiv. 

Vorteile und Nachteile

Ein Nachteil von Usability-Tests im Labor ist, dass das Umfeld für die Probanden immer ein künstliches ist. Sie wissen, dass sie unter Beobachtung stehen und jeder Schritt und jede Aussage genau unter die Lupe genommen wird. Dementsprechend kann das Verhalten während des Tests bei dem einen oder anderen Probanden von dem Verhalten in einer realen Situation abweichen, was teilweise zu ungenauen Ergebnissen führen kann.

 Der Vorteil von Usertests im Labor gegenüber Guerilla Usertests im Feld, sind zum einen die Planbarkeit der Tests und zum anderen die Kontrolle über den Ablauf. Die Testpersonen können präzise nach Zielgruppenkriterien ausgesucht werden. Sie haben sich für die Tests angemeldet, nehmen sich Zeit dafür und sind auf die Situation vorbereitet. Da man den Teilnehmern normalerweise eine Aufwandsentschädigung bietet, sind sie dementsprechend motiviert. In der Regel führen die Probanden die von ihnen verlangten Aufgaben gewissenhaft durch. Ein weiterer Vorteil der Labortests ist, dass sie auch länger andauern und etwas umfangreicher sein dürfen. 

Tipp

Für das Testen von Desktop-Software eignet sich die Software “Silverback” sehr gut. Mit dieser Software lassen sich ebenfalls der Bildschirm, Mausbewegungen, das Gesicht des Probanden und der Ton aufnehmen. Es ist außerdem möglich, einzelne Aufgaben oder Highlights im Test zu markieren und diese dann später getrennt voneinander wiederzugeben. Eine kleine Einschränkung ist jedoch, dass die Software nur mit dem Mac OS Betriebssystem läuft. 

 

2. Usability-Tests im Feld

Gerade native Apps werden häufig für mobile Anwendungsfälle entwickelt. Um ein möglichst realistisches Test-Szenario zu gewährleisten, kann hier die Entscheidung getroffen werden, im Feld, also außerhalb der künstlichen Umgebung eines Labors, zu testen. Auch hier können die genannte Dokumentationssoftware (siehe Abbildung 2) verwendet werden.

Abbildung 2 – Teilnehmer bedient App im Feld mit laufender Dokumentationssoftware im Hintergrund (links); Person analysiert aufgenommenes Video einer Testsession (rechts).

Die Tests im Feld werden genau so geplant wie die Tests im Labor. Testpersonen werden für einen bestimmten Zeitraum eingeladen, der Testablauf und hier ggf. die Route werden genau geplant. Diese Methode eignet sich besonders für Apps, die überwiegend im mobilen Umfeld zum Einsatz kommen. 

Vorteile und Nachteile

Klarer Vorteil dieser Methode ist das realistische Umfeld, in dem getestet wird. Hier beeinflussen äußere Begebenheiten, wie beispielsweise Licht, Lärm, Baustellen oder Ähnliches die Testergebnisse, wie dies bei der alltäglichen Anwendung der App auch gegeben wäre.

Nachteil dieser Methode ist die schwer zu kontrollierende Situation. Jeder Test kann durch äußere Umstände anders verlaufen, obwohl man beispielsweise dieselbe Strecke nutzt. Das macht das Auswerten und Vergleichen der Ergebnisse schwieriger. Auch ist es für den Moderator schwieriger, den Probanden bei der Interaktion mit der App zu beobachten. Man muss sich auf die Software verlassen können, mit der die Tests aufgenommen werden, damit man im Nachhinein die ein oder andere unklare Situation nochmals repetieren kann.

3. Guerilla Usability-Tests im Feld

Ist das Projektbudget knapp und die Zeit begrenzt, eignen sich Guerilla Usertests im Feld sehr gut, um schnell einen groben Eindruck davon zu erhalten, wie Personen mit dem Interface der App umgehen. Diese Methode ist ebenfalls geeignet, um Varianten zu vergleichen.

Guerilla Usertests im Feld müssen ebenso wie Usability-Tests im Labor gründlich geplant werden. Es muss insbesondere entschieden werden, wo getestet werden soll. Es eignen sich Orte, an denen Personen warten müssen oder etwas Zeit zum Verweilen haben. Auch dürfen die Tests nicht allzu umfangreich sein, um den Probanden nicht zu viel Zeit zu nehmen. Je länger der Test dauert, umso geringer wird in der Regel ihre Motivation sein.

Testet man im Labor, so wird den Teilnehmern eine Einverständniserklärung vorgelegt, damit sie und ihre Interaktionen mit dem Interface aufgezeichnet werden können. Dies ist meist kein Problem, da die Personen sich bewusst auf die Testsituation einlassen und sich vorbereitet haben. Ausserhalb des Labors jedoch, wo sich die Menschen spontan zu einem Test bereit erklären, ist das eher schwierig, da dies für viele ein Grund ist, abzulehnen. Deshalb ist es von Vorteil, wenn zwei Personen bei dem Test anwesend sind. Der Moderator interagiert dabei mit der Testperson, leitet diese an und stellt Fragen. Die andere Person beobachtet und macht Notizen zum Geschehen, hält sich aber im Hintergrund.

Vorteile und Nachteile

Der Vorteil bei diesem Vorgehen ist, dass man sehr schnell und günstig zu Ergebnissen gelangt.

Ein Nachteil ist, dass die Tests sehr kurzweilig sein müssen und daher nicht in vollem Umfang getestet werden kann. Man muss sich meist auf kritische Features und Interaktionen beschränken.

Nachteilig ist auch, dass die Personen, die man auf der Straße antrifft, nicht zwangsläufig genau zur Zielgruppe passen.

Häufig sind Passanten gestresst und desinteressiert und lassen sich auf den Test nur ein, um nicht unhöflich zu erscheinen. Um einen Anreiz zu schaffen und die Motivation zu steigern, kann man den Personen je nach Situation beispielsweise einen Kaffee oder etwas Süßes anbieten.

4. Fazit

Wegen der entstehenden Mehrkosten und dem zusätzlichen Zeitaufwand scheuen sich gerade kleinere Unternehmen davor, Usability-Tests durchzuführen. Dabei gibt es Methoden, die schon mit wenig Zeitaufwand und geringen Kosten zu Verbesserungen der Benutzerfreundlichkeit von Softwareanwendungen führen. Man sollte Usability-Engineering nicht als Kostenfaktor sondern als längerfristige Investition sehen. Eine benutzerfreundliche Anwendung wird sich durch zufriedene Kunden und eine messbare Steigerung des Erfolgs auszahlen.

Was denken Sie darüber und welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

(This blog post is also available in English)

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *